Neben selbstgemachten Vanillekipferln, Glühwein und »Last Christmas« im Radio hat in der (Vor-)Weihnachtszeit, gerade aus typografischer Sicht, vor allem eines Saison: die gebrochene Schrift in ihren unterschiedlichen Formausprägungen und Anwendungsgebieten.
Trotz der mehrfach ausgerufenen Renaissance der gebrochenen (fälschlicherweise manchmal auch deutschen) Schrift finden Fraktur, Textura und Co. nach wie vor hauptsächlich in Bereichen ihre Anwendung, die entweder mit Tradition und/oder Provokation verbunden werden können, wie zuletzt im Erscheinungsbild der Volksbühne Berlin. Dieser Umstand führte in den vergangenen Jahr(zehnt)en bei diversen Schriftgestaltern vermehrt zu der Fragestellung, wie möglicherweise eine moderne gebrochene Schrift aussehen könnte.

Die daraus hervorgegangenen Schriftentwürfe, teilweise auch Hybridvarianten zwischen Gebrochenen- und Antiquamodell, könnten vielfältiger und abwechslungsreicher kaum sein. Zu den bekanntesten Vertretern zählen wahrscheinlich Underwares Fakir und die Blaktur von House Industries, aber auch weniger bekannte, wie die Bois von Yassin Baggar, Tim Ahrens’ JAF Herb oder die Adso des französischen Bureau des Affaires Typographiques, schafften es eigenständige Lösungsansätze zu finden.

»Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.«  — Gustav Mahler

Obwohl der gebrochenen Schrift früher, nicht zuletzt wegen ihrer Formenvielfalt, eine bessere Lesbarkeit gegenüber anderen Schriftgattungen zugeschrieben wurde, ist es inzwischen, gerade wegen der stetigen Konditionierung der Leser hin zu Antiqua und Grotesk, ein durchaus vertretbarer Ansatz einen »zeitgenössische« Interpretation der Gebrochenen im Rahmen eines Hybridkonzepts zu gestalten. Gerade spezifische Themen wie die Verwendung des Lang-s oder die stellenweise sehr expressiven Versalbuchstaben bieten einiges an Interpretations- und Experimentierraum.

Das hier gezeigte Minuskel-o ist Teil eines Schriftentwurfs, der im Rahmen meiner Bachelorarbeit »Aufbruch – Durch experimentelle Schriftmischung zur modernen Fraktur« entstand. Dabei steht der Versuch, bestimmte gebrochene Formen in eine Groteskschrift zu übernehmen, diese aber gleichzeitig mit dem nötigen Spielraum etwas freier zu interpretieren, im Vordergrund.
Name und Erscheinungsdatum sind dem Autor jedoch bisher noch nicht bekannt.