»Zeige mir, was du anziehst, und ich sage dir, wer du bist« 1

Angesichts der Unmöglichkeit eine neutrale Schrift zu gestalten, sollte man gute Kenntnisse darüber besitzen, an welchen Merkmalen der Charakter einer Schrift am stärksten auszumachen ist, um diese bei der eigenen Schriftgestaltung berücksichtigen zu können.

Wir müssen also wissen, welche Auswirkung eine bestimmte gestalterische Entscheidung auf unsere Schrift haben kann. Während dies ein geübter, erfahrener Schriftentwickler in seinem Bauchgefühl verinnerlicht hat, liegt vor uns ein langer Prozess des Sehen-lernens. So stellt sich die Frage, wie wir unser Auge diesbezüglich schulen können.

Eine hilfreiche Möglichkeit auf dem Weg dorthin kann der von Hans Peter Willberg konzipierte Test sein. Um eine Schrift für einen bestimmten Zweck auszuwählen, veranschaulichte der Typograf und Buchgestalter in seinem Buch ›Wegweiser Schrift‹ anhand eines ›Klamottentests‹, welche Assoziationen eine Schrift bei uns auslöst. In diesem Test lässt er uns das Erscheinungsbild der Schrift mithilfe verschiedener Kleidungsstücke charakterisieren. So kann die Eine beispielsweise mit einem ›dunkelblauen Kostüm‹, die Andere mit einem ›eleganten Anzug‹, die Nächste mit einem ›luftig und duftigen Kleidchen‹ beschrieben werden. Auch detailliertere Bewertungen mit ›bügelfreiem Hemd‹, ›goldenen Manschettenknöpfen‹ oder einer ›Blümchenstickerei‹ sind möglich. Der Umweg über die Auswahl der Kleidung soll zu präziseren Begründungen in der Schriftwahl führen. 2

Natürlich sind diese Wahrnehmungen hauptsächlich subjektiver Natur. Trotzdem kann diese Herangehensweise auch eine Hilfestellung bei der Entwicklung der eigenen Schrift sein. (So tue ich mich persönlich bei der Formulierung von Assoziationen leichter, indem ich sie mit Charakterzügen oder dem äußeren Erscheinen von Menschen beschreibe.) Ich verwende also den Test nicht nur, um die Auswahl einer Schrift anhand der mit ihr verbundenen Assoziationen zu begründen, sondern auch um zu begreifen, welche ihrer Merkmale für die Auslösung eben dieser verantwortlich sind.

Für mein Adventszeichen habe ich das große G, stellvertretend für den Charme aller Zeichen der Henri ausgewählt. Die Charaktereigenschaften der Schrift lassen sich aus meiner Sicht am besten mit der Fliege (verwandt mit der Krawatte) beschreiben. Wie die Fliege an sich sind die Formen der Henri zugleich klassisch und modern — wer dieses Accessoire trägt, suggeriert ein gesundes Selbstbewusstsein, ist auffällig und zurückhaltend zugleich.

1&2: Hans Peter Willberg, Wegweiser Schrift (3. überarbeitete und korrigierte Auflage von 2008, S. 85 & 86)

(Der Text ist bis auf den letzten Abschnitt ein überarbeiteter Auszug aus meiner theoretischen Bachelorarbeit ›Anforderungen an die Gestaltung einer Leseschrift‹, 2012, aus dem Kapitel Formgebung)