Das Objekt der Begierde ist der »Type Navigator: The Independent Foundries Handbook« aus dem Gestalten Verlag. In dieser von Jan Middendorp und TwoPoints.Net kuratierten Publikation sind fast alle Schrifthersteller weltweit aufgelistet.
Middendorp gibt im Vorwort einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Schriftgestaltung, beschreibt die verschiedenen Foundry-Modelle und großen Verkaufsadressen von digitalen Schriften. Besonders gelungen ist der Abschnitt Paying for fonts der jedem Leser deutlich macht: Schriften werden nicht von Großkonzernen produziert, sondern von kleinen Agenturen und oftmals selbstständigen Einmannbetrieben entwickelt und diese können es kaum verkraften können, wenn jemand ihre Werke per Robin Hood Fallacy an Bekannte und Arbeitskollegen weiterreicht.
Im Anschluss folgt die alphabetisch sortierte Auflistung der Foundries. Pro Schrifthersteller zeigt zunächst eine Doppelseite einen knappen Steckbrief der jeweiligen Foundry sowie Grafiken mit Zeichendetails und den Schriften in ihrer Anwendung. Danach folgen 2–3 Doppelseiten mit ausgewählten Schriften, zu denen immer ein Aa-Zz-123 und teils farbige, große Headlines bzw. Blindtext in verschiedenen Punktgrößen abgedruckt ist.
Neben der Organisation der Inhalte sind Lupi Asensio und Martin Lorenz (TwoPoints.Net) auch für die Gestaltung des »Type Navigators« verantwortlich: Gesetzt einer völlig schlichten aber feinen Linotype Times ist das Layout angenehm dezent gehalten und wird ab und an durch Rot und Blau eingefärbten Text aufgelockert. Bilder und Farbflächen sind mit einem leichten Schlagschatten versehen – ein durchaus guter Griff, um die zeitgemäße Ästhetik von iPads und Webseiten in ein Print-Produkt zu übertragen.
Der Pluspunkt ist ganz klar: Die rund 300 Seiten des »Type Navigators« setzen ihren Fokus auf kleine aber hochwertige Foundries. Dem Leser werden fast ausnahmslos nur qualitative Schriften vor die Nase gesetzt, was ein deutlicher Trumpf gegenüber anderen Kompendien ist, bei den man sich eine beigelegte Schere wünscht, um eine echte Auswahl treffen zu können.
Persönlich habe ich meine Lieblings-Foundries commercialtype.com und suitcasetype.com vermisst, die jedoch im Anhang (Index) aufgelistet sind, der noch einmal das annähernd Vierfache an Foundries mit treffenden Kurzbeschreibungen zusammenfasst.
Auf der beigelegten CD gibt es 100 Fonts von 20 Foundries. Diese teils Demo-, teils aber auch Vollversion sind für die kommerzielle Nutzung an einem Arbeitsplatz frei verfügbar. Ein prima Köder, der auch den Geköderten schmeckt — nicht selten geraten Muster-PDFs an ihre Grenzen, wenn man die Schrift vorab im Layout testen, aber noch nicht endgültig kaufen will.
Die Abzüge in der B-Note gibt es unter anderem für das Cover: Bei einem Buch für knappe 50 € kann man verarbeitungstechnisch mehr erwarten. Zudem zeichnet sich beim beim Wort Navigator gedanklich schnell ein wertiges Deckblatt wie bei »Typoversity« ab. Mal abgesehen von der haptischen Gestaltung an dieser Stelle, hätte ich mir noch einem Kompass, eine Weltkarte oder irgendein anderes Sortiersystem gewünscht, das die Foundries nach verschiedenen Kriterien ordnet und/oder bewertet — das Handbuch ist eher eine alphabetische Auflistung.
Da geht mehr, ruft auch der Flattersatz am Anfang des Buches, denn er stürzt Typophile in tiefe Trauer – und für gerade die ist das Buch ja gedruckt worden oder?
Die Frage To Buy or Not to Buy lässt sich nicht eindeutig beantworten: Der Type Navigator ist nicht vollgepumpt mit inhaltlichen Mehrwerten und Erkenntnissen wie die »Anatomie der Buchstaben« oder »Wie man’s liest« und viele der zusammengetragenen Foundries kennt man als typophiler Surfer bereits. Aber er ist aber ein solides Buch für die Hand zum Blättern bei der Suche nach feinen Schriften oder interessanten Schriftimpressionen — und das ist was wert.







