Sommer, Sonne, gefühlte 30 °C, staubtrockene Luft und jede Menge kleiner typografische Geschichten. Für die nächsten zwei Wochen ist dies alles was den Tag füllt – mal abgesehen von einer Flasche Wein am Abend.

Im Zuge der dritten Summer School von Prof. Gertrud Nolte (FHWS) wird es darum gehen der Stadt Spoleto ein typografisches Gesicht zu geben. Spoleto selbst – gute 150 Km nördlich von Rom in der regione Umbrien liegend – ist eine Stadt voller enger Gassen und historischen Eigenheiten. Hier werden, hoch oben auf der Rocca, der päpstlichen Burganlage, innerhalb von zwei Wochen Schriften entworfen, gezeichnet und vektorisiert …

Lunedì – Montag


Die Sonne geht früh auf. Als es 9 Uhr ist begeben wir uns in die Gewölbe-Klosterküche zum Frühstück. Erschöpfung von 1200 km Autofahrt gepaart mit Vorfreude und Spannung auf die bevorstehenden zwei Wochen liegen in der Luft.
Um 10 Uhr werden wir im historischen Innenhof des Klosters von Dr. Matthias Quast empfangen und erleben bereits im Kloster eindrucksvoll die ersten architektonischen Grundzüge Spoletos.
Danach geht es raus in die Stadt. Steil hinauf und entlang der VIA FLAMINIA, Hauptverkehrsstraße seit der Antike vom Norden Italiens bis nach Rom. Um uns liegen verwinkelte Gassen, teils überdacht von mittelalterlichen Bögen, flankiert von bröckelnden Wänden, aus denen die Historie sprichwörtlich herausbricht.
Durch den regen Verkehr der Stadt, der chaotischen Bauweise, den stetigen Wiederaufbau seit dem Erdbeben von 1997 und durch das entspannte Temperament der Einwohner spüren wir die Lebendigkeit Spoletos.
Während des 8-stündigen Marathons auf dem Boden und den Spuren der Historie stehen wir gebannt und ehrfürchtig vor den Bauten der Stadt. Neues Vokabular lässt uns Dinge verstehen, die wir sonst kaum sahen: Säulenordnung, Theatermotiv, Ädikula, Gebälk, Architrav, Pilaster, Spolien und ein Hauch delikaten Spanferkels umbaut von zwei Scheiben Weißbrot am Mittag.
Die Grundsteine für die konzeptionelle Auseinandersetzung mit dieser über 2000 Jahre alten Stadt sind nun gelegt.
Fotos: Natalie Amend, Dominik Hofmann, Dr. Matthias Quast, Jakob Runge, Mira Singh Text: Natalie Amend, Jakob Runge, Prof. Gertrud Nolte Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Mercoledì – Mittwoch

Nach der theoretischen Auseinandersetzung von gestern über Schriftgeschichte und architektonisch bezogene Schriftentwicklung begibt sich jeder einzeln, bewaffnet mit Stift und Papier, auf Entdeckungsreise des Charakteristischen und Besonderen.
Signifikante Merkmale der Architektur und des Flairs der Stadt werden mit Hilfe detailreduzierter Skizzen festgehalten. Nach Austausch der gesammelten Fundstücke beginnt die Konzeptionsarbeit in den entstandenen Gruppen.

»Lettering Ladies« (Wortmarken, die die verschiedenen, wandelbaren Aspekte der Stadt widerspiegeln)
»Vene Vidi Varianti« (Fokus auf die Vermischung der historischen Epochen mit einer kontroversen Auseinandersetzung)
»Hart am Schachteln« (Verschachtelung des Stadtbildes zwischen Perfektionismus, Chaos und Gespür für Details)

Fotos: Jakob Runge Text: Natalie Amend, Jakob Runge, Prof. Gertrud Nolte Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Venerdì – Freitag — Super grandioso famoso


Natürlich arbeiten wir! Wir sind schließlich nicht zum Vergnügen hier.
Irgendwie ist das hier aber auch dasselbe. Auf der Rocca haben wir unseren Spaß und abends werden immer noch Skizzen gemacht für den nächsten Buchstaben. Die Terrasse vorm Mädelszimmer entpuppt sich als zweiter Arbeitsplatz für die Schachtelboy-Supergroup. Hervorragendes Essen und zweitklassiges Bier halten uns stabil für weitere neun Stunden Leuchttisch und FontLab.
Was das Ganze soll? Na, wir frickeln schön den Font zusammen, der Spoleto später repräsenten soll. Hier werden die Lettern entlang der Leserichtung gen Abnutzung und Unperfektion zugerichtet. Und zwar so, wie sich die Stadt uns offenbarte: Verschachtelt, verwinkelt, von architektonischer Vielfalt und Freiheit geprägt. Alt und abgenutzt, mit einem gesunden „des passt scho ‘so“-feeling. Wer weiß, was dabei ‘rauskommt aber hey, es wird scho’ passen.
Arrivederci

Fotos: Susanna Häfner, Jakob Runge Text: Tom Kirchgässner, Susanna Häfner, Dominik Hofmann, Prof. Gertrud Nolte Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Domenica – Sonntag — Rom


Am Sonntag vor Ferragosto wurde Rom besucht. Um in der Masse der Touristen möglichst unerkannt zu bleiben, behängten wir uns mit Kameras, trugen kurze Hosen und Birkenstock. Authentisch blieb nur Dr. Quast, der adrett im Hemd Wissenswertes über die Stadt der Cäsaren vermittelte. In erster Linie interessierte natürlich die Architektur. Der Crashkurs, der uns schon in Spoleto über Theatermotive, Architraven, Friese, Gesimse und Spolien aufklärte, wurde in Rom erweitert um Kuppeln, Mamorverkleidungen, Basilika und Monumentalbauten. Um nur Weniges zu nennen. Wir sahen Obelisken, Thermen, den Regierungshauptsitz, Gelaterien, römische Straßenverkäufer, sieben Hügel und noch mehr Täler, den teuersten Kaffee der Welt, den schönsten Brunnen der Welt, ein kolossales Colosseum, die Macht der katholischen Kirche, das Pantheon, Gladiatoren und den Nabel der Welt. Während wir auf dem Kapitolsplatz lümmelten, ernannte Konstantin das Christentum zur Staatsreligion. Trajan säulte und wir schwitzten. Aber das war es wert. Senatus Populusque Romanus. Und so sehr spinnen sie gar nicht, die Römer. Sie sind eigentlich ganz nett.

Fotos: Christian Fuß, Jakob Runge Text: Tom Kirchgässner Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Lunedì – Montag — Veni Vidi Varianti


Buena Sera!
Veni, Vidi, Varianti! Ja so soll’s sein! Wir kamen, sahen und variierten, was das Zeug hält. Doch erstmal zur Allgemeinsituation: Die Sonne brennt heiß vom azurblauen Himmel Spoletos – wie gut, dass wir es hier in den Räumen der Rocca kühl haben, um uns voll und ganz und vor allem hochkonzentriert über unseren Font herzumachen. Nach den ersten Tagen, die durch Skizzen und Ideenfindung geprägt waren, sind wir drei in unserer Gruppe schon auf einem Weg der ›Großes in Versalform‹ verspricht: Die Grundform unseres variantenreichen Schnittes ist in den letzten Zügen! Dabei stand für uns im Vordergrund, die drastischen Höhenvarianten, die schmalen Gassen, die extremen Lichtverhältnisse und die zum Teil architektonische Variantenvielfalt bzw. Absurdheit der Stadt mit einfließen zu lassen.
Inspiriert von einem, in unregelmäßigen Abstand, häufig wiederkehrenden Merkmal an den Hausfassaden, das nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich scheint, stellten wir eine Variante zusammen, die ebenfalls auf den zweiten Blick ein typografisches Dolci bereithält.
Die Art und Weise, wie sich Spoleto uns präsentiert, mit einer Leichtigkeit, verstecktem Esprit und einem Augenzwinkern stellen wir in den geplanten unterschiedlichen Schriftschnitten dar.
Wie Ihr seht, steht uns dreien noch ein Coppa voll Arbeit bevor, deswegen geht’s nun auch husch husch ’ran ans Werk!

Ciao Ragazzi und bis bald im blog.

Fotos: Christian Fuß, Jakob Runge Text: Natalie Amend, Sebastian Böhm, Thomas Wenz, Prof. Gertrud Nolte, Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Martedì – Dienstag — Schicht im Schacht? Noch lange nicht!


Die Lettering Ladies widmen sich bei der Entwicklung einer Dachmarke für Spoleto der einzigartigen Bauweise der Stadt. Verschiedene Epochen werden in den Häusern, Mauern und Sehenswürdigkeiten sichtbar. Die Architektur der Zeitalter schichtet sich übereinander, baut aufeinander auf und ist teilweise von einander durchdrungen.
Außerdem trumpft dieser wunderschöne Ort mit vielen weiteren Facetten auf: Von den kleinen verwinkelten Gassen über große monumentale Sehenswürdigkeiten, eine außergewöhnliche Landschaft, ein unvergleichliches italienisches Flair und gastfreundliche Einheimische. Deshalb folgen der Dachmarke vier Unterkategorien: Kulturgut »Patrimonio«, kulturelle Einrichtungen »Istituzioni culturali«, Landschaft »Paesaggio« und das gute Leben »il buon vivere«.
Die vier Unterkategorien werden an die Gestaltungscharakteristika der Dachmarke angepasst, weisen aber individuelle Merkmale auf, die die Bedeutung der verschiedenen Bereiche aufgreifen. Ziel ist es auch, daß diese je nach Bedarf nebeneinander gesetzt werden können und so als Bildzeichenfolge eine besondere Qualität der spoleto-typischen Bereiche referieren.

So far! Go on lettering!
Eure Letter-Ladies

Fotos: Jakob Runge Text: Eva Herre, Mira Singh, Anja Vierkorn, Prof. Gertrud Nolte, Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Mercoledì – Mittwoch


Spoleto. Enge Gassen und schmale Wege, versteckte Winkel, Geschäfte, die man erst sieht, wenn man eigentlich schon daran vorbei gelaufen ist und Gebäudefluchten, die sich hinter dem nächsten Hügel verlieren. Unsere Schrift, eine serifenlose Versalschrift, orientiert sich an genau diesen schluchtartigen, langen Sträßchen. Kleine und höhere Häuser reihen sich aneinander und lassen die Straßen noch höher und enger wirken als sie sind. Spationierte Zeilen. Sozusagen.
Interessant war für uns auch die markante zeitliche Dreiteilung in Spoletos Geschichte. Römische Spuren vermischen sich mit denen der Langobarden und den heute dominanten Bauten aus dem langen Mittelalter. Diese Schichtung, die auch besonders an der Stadtmauer zu erkennen ist, wollten wir als signifikantes Merkmal in unsere Schrift aufnehmen. So wird es hoffentlich ganz bald einen extended, regular und condensed Schnitt geben, die auch gemischt einsetzbar sein sollen. Fast so wie die beschriebenen Häuserfronten, in denen sich schmale und breite, hohe und niedrige Gebäude abwechseln und dennoch ein harmonisches Gesamtbild zeigen. Eine Headlineschrift für Spoleto also.
Und jetzt arbeiten wir weiter an den Querstrichen und Dächern, den Punzen und Schornsteinen, Fenstern und Oberlängen. Und in der Mittagspause genießen wir den Blick von der Rocca – auf Buchstaben im Tal.

Ciao
Fotos: Christian Fuß, Jakob Runge Text: Annika Fröhlich, Christian Fuß, Philipp Koch, Prof. Gertrud Nolte Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Mercoledì – Mittwoch — »Spigolo«


Wer die ausgetretenen Touristenwege verlässt und die kleinen Pfade zur über der Stadt thronenden Rocca nimmt, kann in Ruhe die vielschichtige Baugeschichte Spoletos entdecken. Manche der Gassen sind so schmal, dass man die Hauswände zu beiden Seiten mit ausgestreckten Armen berühren kann. An einigen Stellen dringt das Licht lediglich von oben in die Lücke zwischen die gedrungenen Gebäude. An den wenige Stockwerke hohen Häusern sind die Spuren der vielen Umbauten und teils jahrhundertelangen Bewohnung abzulesen. Kaum eine Mauer steht gerade, Rundbogenfenster wurden zugemauert, neue Öffnungen hineingetrieben, Torbögen verschwinden zur Hälfte und schaffen Platz für den sich in die Straße ausbreitenden Wohnraum.
Für uns ist Spoleto eine Barockantiqua − condensed. Kantige Serifen, spigolesk angeschnittene Bogenformen und ausgeprägte Strichstärkenkontraste prägen ihren Charakter. Mit der »Spigolo« übersetzen wir das architektonische Gesicht der Altstadt in anwendbare Typografie für Überschriften und Fließtext.
Fotos: Florian Fecher, Jakob Runge, Daniela Schnabel Text: Florian Fecher, Sarah Haaf, Daniela Schnabel, Prof. Gertrud Nolte Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Diovedì – Donnerstag — Presentiamoci!


Nach rund neun Tagen ruhiger und feinteiliger Arbeit kommt nun doch ein Hauch von Hektik in die Rocca: Kurven müssen reingezeichnet, Zeichensätze gefüllt, Konzepte präzisiert und eine finale Präsentation für die Bürger Spoletos vorbereitet werden.

Der Fokus der Pressekonferenz liegt auf einer einfachen, mitunter sehr direkten, aber verständlichen Darstellung – der Transfer von Architektur und Stadtflair in Schriftgestaltung soll auch für typografische Laien sichtbar werden.
Großflächige Plakate gefüllt mit Inspirationsquellen, Schriftideen, Zeichendetails und kleinen Fließtexten zeigen den aktuellen Stand der entwickelten Schriften. Parallel lässt ein Berg Skizzen in den Umfang an Gestaltungsansätzen, Variationen und Feinkorrekturen blicken. In einer zusätzlichen Beamerpräsentation erläutert unser kunsthistorischer Kontaktmann Dr. Matthias Quast auf italienisch jede der fünf Schriften/Letterings in Detail.
Den Besuchern – darunter ein Assessor der Urbanistik, drei Journalisten, zwei Fotografen und Freunde des amphitheatrums und der Kultur Spoletos – läuft ab und an ein Schmunzeln über die Lippen, gerade dann, wenn sie ihre eigene Stadt und eine offensichtlich passendes Zeichen bemerken. Beeindruckt sind sie zudem durch den Gesamteindruck aller Projekte und der Tatsache, dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich so intensiv für Buchstaben begeistern.

Nachmittags sitzen wir wieder der Rocca und feilen weiter an den Schriften – allerdings recht gemütlich, um die Anspannung der letzten Nacht aufzufangen.
Fotos: Christian Fuß, Jakob Runge Text: Jakob Runge Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung

Venerdì – Freitag — Arrivederci Spoleto!


Finalkorrektur, Rumalber, Datenaustausch, Schriftexport, Krachmach, Aufräum… Zur Zeit bereiten wir den Auszug aus den Buchrestauration der Rocca vor. Abschließend bekommen wir noch eine Führung durch die gesamte Festung, die bis in die 1980er noch ein Gefängnis war, aber mit deren Räumen wir uns gut anfreunden konnten.
Vor dem Abschlußabend wird die Heimreise jenseits der warmen 30-°C-Grenze angepackt.

Spätestens bis Ende September wird es an dieser Stelle noch eine ausführliche Präsentation der entstandenen Schriften und Letterings geben – bis dahin wird weitergefeilt.

Es grüßt das Parlamento Tipografico degli Orsacciotti persi

1 Mattia Guasto – Presidente e Ministero senza portafoglio
2 Domenico Della – Corte Gran Carpo dei Capi
3 Sebastiano Boemi – Consigliere per i Pasticci digitali
4 Susanna Canapa – Capitano del Popolo
5 Sara Del Porto – Consigliere perla Varietà analoga
6 Gertrude Nolente – Ambasciatore caratteriale
7 Tommaso Vico della Corte – Sindaco (Orsacchiotto no.3)
8 Daniela Del Becco – Consigliere per la Transcriptione intermediale
9 Eva Signorini – Principessa I dell’Ediliza e Urbanistica di Letterlandia
10 Anna Allegra – Ministro della Vita allegra (Orsacchiotto no.1)
11 Fillippo Couco – Ministero pantagruelico (Orsacchiotto no.2)
12 Jacopo Montante – Assessore di Contrasti digitalizzati
13 Natalia Amendina – Consigliere per la Varetà
14 Tommaso Venceslao – Sceriffo per i Concetti emotionali
15 Ania Quattrograni – Principessa III della Buona Vita di Letterlandia
16 Fiorino Ventaglio – Ministero della Perfezione digitale
17 Mira Del Canto – Principessa II dell’Ambiente di Letterlandia
18 Cristiano Piè – Ministero della Tipografia zigaresca

Fotos: Christian Fuß Text: Jakob Runge, Prof. Gertrud Nolte Hochschule Würzburg, Fakultät Gestaltung