Seit dem 15. Jahrhundert veränderten sich die Schriften des lateinischen Schriftsystems kaum – im Bereich der schlichten Antiqua-Schriften für den Lesetext wohlgemerkt, im Bereich der Displayschriften, die originell auffallen sollen, hat sich mehr gewandelt.

Nach dem Übergang der individuell erzeugten Handschriften der Schreibmeister zu einer reproduzierbaren Satzschrift mit Erfindung der beweglichen Lettern wurden Maßstäbe für unser Auge gesetzt, welche bis heute Bestand haben. »To some degree, any typeface has some historical elements« [1] sagt der amerikanische Schriftgestalter Jonathan Hoefler (*1970) zu Recht, denn jene Zeichenformen die Drucker und Schriftenschneider wie Nicolas Jenson (*1420, †1480), Aldus Manutius (*1450, †1515) oder Claude Garamond (*1490, †1561) in Italien und Frankreich des 15. und 16. Jahrhunderts im Bleisatz geprägt haben, sind bis heute etabliert und werden nur noch minimal variiert. Auch der Niederländer Hendrik van den Keere (*1540, †1580) oder William Caslon (*1692, †1766) aus Großbritannien schufen knapp zwei Jahrhunderte später Schriften mit neuen, aber ähnlichen Formen.

Erst im 19. Jahrhundert zeichnete sich mit den Groteskschriften [2], wie u.a. denen des deutschen Typographen [3] und Schriftgestalter Ferdinand Theinhardt (*1820, †1909) eine Veränderung ab: Die Serifen der Zeichen verschwanden. Dennoch, die grundsätzlichen Formskelette der Zeichen – ob mit oder ohne Serifen – haben sich bis heute kaum merklich gewandelt.

Ein A bleibt ein A. Würde die Form der Zeichen sich ändern, wäre das Verständnis des abgebildeten Textes gefährdet. Und die Allmacht Lesbarkeit, die Funktion von Schrift an sich, möchte kaum ein Schriftgestalter herausfordern.

Überspitzt betrachtet bleibt Schriftgestaltung immer das Gleiche: eine subtile Variation ohne merkliche Veränderung; ein Handwerk auf hohem Niveau, jedoch ohne die eigenen Grenzen zu sprengen, immer eine Kopie des Bekannten. Aus dem bewährten Formkonzept der Garamond (1530/1620 [4] ) wird unter anderem die Sabon (1967) von Jan Tschichold abgeleitet, die selbst mit der Sabon Next (2002) durch Jean François Porchez eine Erneuerung erlebt.

Einen Beweis dafür, dass neu entwickelte Zeichendetails sogar unbedeutend sein können, liefert der Schriftgestalter Luc(as) de Groot (*1963) [5] : In der Zeitung Jungle World wechselte er über einen längeren Zeitraum in jedem Absatz die Schriftart, kein Leser bemerkte den Unterschied. Zugegeben, die von ihm verwendete Minion und News Plantin wurden in Zeilenabstand und Zeichenbreite angeglichen, haben beide Serifen, sind an den Formen der Renaissanceschriften orientiert und wurden zudem in einer kleinen Lesetextgröße verglichen. Dennoch, sind Grauwert, Rhythmus und Proportionen – wichtige Aspekte für die Lesbarkeit – verschiedener Textschriften sehr ähnlich, verlieren die Details der einzelnen Zeichen ihre Relevanz.

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Bereits etliche Schriftgestalter haben das Phänomen der kaum merklichen Gestaltung von Schrift in Worte gefasst. Der Franzose Jean François Porchez (*1964) stellt fest [6]:

»In type design, you’ve done your best when people don’t notice what you’ve done.«

der deutsche Gestalter Erik Spiekermann (*1947) bemerkt [7]:

»Typografie ist wie Luft: Wir nehmen sie erst wahr, wenn sie schlecht ist«

und Adrian Frutiger (*1928), einer der bedeutendsten Schriftgestalter des 20. Jahrhunderts, erklärt einprägsam:

»Wenn du dich an die Form des Löffels erinnerst, mit dem du die Suppe gegessen hast, dann war es eine schlechte Form. Löffel und Buchstabe sind Werkzeuge: Das eine nimmt Nahrung aus der Schale, das andere nimmt Nahrung vom Papierblatt. Die Schrift muss so sein, dass der Leser sie nicht bemerkt.«

Es ist ein hoher Anspruch, etwas so zu gestalten, dass die Gestaltung kaum merklich ist. Der Leipziger Typograf und Schriftgestalter Jan Tschichold (*1902, †1974) manifestiert 1968, dass Typografie die am schwersten zu erreichende Form der Kunst sei [8]. Wenn auch nicht ganz eindeutig ist, ob er mit Typografie den Umgang mit Schrift meint oder die Gestaltung von Schrift an sich mit einschließt, recht hat er, wenn man seine Aussage im Sinne der Unerreichbarkeit versteht – Gestaltung ohne Gestaltung ist schwer möglich.
Heute würde niemand mehr etwas Vergleichbares behaupten. Nicht weil es keine von ihrer Profession überzeugten Typografen und Schriftgestalter mehr gäbe, vielmehr weil dieses Statement bereits formuliert wurde. Ob in der theoretischen Auseinandersetzung oder in der formalen Ausformulierung, im Bereich der Schriftgestaltung wurde schon fast alles gesagt und gezeichnet.

Auszug aus

Die Gestaltung einer Textschrift ist immer das Gleiche ein Auszug aus ą–ž –Entwicklung einer modernen Textschrift von Jakob Runge, bei Prof. Dr. Norbert Schmitz, Institut für Kunst, Design- und Medienwissenschaften, Kiel, 2013

Quellen

[1] Hoefler, Jonathan im Interview mit Ellen Lupton. URL http://elupton.com/2010/07/hoefler-jonathan
[2] Die erste serifenlose Schrift war ein reines Großbuchstabenalphabet vom Engländer William Caslon IV (dem Urenkel Caslons) der seine 1816 erschiene Groteskschrift amüsanterweise noch 2 Line English Egyptian nannte. Die Akzidenz Grotesk – in Teilen als Breite Grotesk 1890 von Schelter & Giesecke in Leipzig erfunden und 1908 von Theinhardt als Acczidenz Grotesk weiterentwickelt – ist jedoch weitaus interessanter für die Entwicklung von serifenlosen Textschriften.
[3] Wohingegen ein Schriftgestalter neue Schriftarten entwickelt, wendet ein Typograf diese an – durchaus in Kombination mit Schriftarten unterschiedlicher Schriftgestalter. Da das Zeichnen neuer Schriften im Idealfall unter Berücksichtigung ihrer späteren Verwendung geschieht, füllen viele Typografen oder Schriftgestalter beide Professionen aus.
[4] Die Garamond wurde 1530 von Claude Garamond für eine Größe von 12 Punkt für den Bleisatz entwickelt und 1602 von Jean Jannon nachgeschnitten. Die digitale Übertragung der Schriftfamilie fand in etlichen Varianten statt, wie z. B. der Stempel Garamond (1925) von Linotype, der ITC Garamond (1975) durch Tony Stan oder der Adobe Garamond (1992) durch Robert Slimbach.
[5] Vorgestellt bei TypeTalks2, 2011, Poznań (Posen). URL http://www.flickr.com/photos/hardwig/5890727918/in/photostream
[6] Shepter, Joe: Jean-Francois Porchez. URL http://solutionpartners.adobe.com/ap/print/gallery/porchez/
[7] Spiekermann, Erik. Aus dem Vorwort von in Gerard Ungers Wie man’s liest. Niggli, Sulgen CH, 2009, S. 7.
[8] »Perfect typography is certainly the most elusive of all arts. Sculpture in stone alone comes near it in obstinacy«, Tschichold, Jan in: Homage to the Book. Westvaco, 1968.