Ein Semester Schriftgestaltung / Font: Falun
Wer in den 26+ Workshops typografisches Blut geleckt hat oder erfahren will, wie das schmeckt, kann an der FH Würzburg Schriftgestaltung belegen. Seit 2009 bietet Professorin Gertrud Nolte »26+ZeichenSetzen.SchriftEntwurf« an – Schriftgestaltung als Schwerpunktprojekt.

Beinahe jeder, der den Versuch unternommen hat eine eigene Schrift zu gestalten, hebt rückblickend zwei Momente im Entwurfsprozess hervor. Einer davon ist jener Augenblick, in dem das Tippen auf der Tastatur Buchstaben auf dem Bildschirm erscheinen lässt. Nicht irgendwelche Buchstaben, sondern diejenigen, an denen man in den Wochen zuvor so lange analog gearbeitet hat. Der andere Moment ist der, in dem man zum ersten mal einen damit gesetzten Text lesen kann. Es dauert eine Weile bis die erste Schrift so weit ist.

Diesem Ziel widmeten sich im Sommersemester 2012 dreizehn Würzburger Studenten des vierten und sechsten Semesters  – vom Konzept und den ersten Skizzen bis hin zur digitalen Ausarbeitung. »26+ ZeichenSetzen.SchriftEntwurf« heißt der Kurs, den Professorin Gertrud Nolte immer zum Sommersemester anbietet. Aus ihm ging vor drei Jahren die Web-Plattform 26plus-zeichen.de hervor, gegründet von Jakob Runge und Max Kostopoulos. Neben der Internetseite zur Präsentation studentischer Schriftentwürfe organisieren sie seitdem auch Workshops in ganz Deutschland. Natürlich waren sie auch an ihrer ehemaligen Hochschule, das letzte mal im Januar 2012.


Es waren nicht für jeden Teilnehmer des Schriftgestaltungskurses die ersten Schritte auf unbekanntem Terrain. Doch selbst wer vorher keinen Workshop bei Jakob und Max besucht hatte, wusste ungefähr, worauf er sich einlassen würde. »Dieser Kurs erfordert sehr viel Herzblut, Engagement, Machen und Schauen und einen unbedingten Enthusiasmus. Aber den haben Sie! Ich freue mich sehr auf diesen spannenden Kurs.« Die kleine Warnung stand in der ausführlichen Beschreibung des Kursinhalts von Professor Nolte.

Vor den ersten Zeichnungen kam die Recherche und das Formulieren eines Ziels. Welche Formen und Eigenheiten sollen den Charakter der Schrift prägen? Welchen Zwecken soll sie dienen? Ist sie in erster Linie für den Einsatz in Fließtexten oder eher für Überschriften oder Schaugrößen gedacht? Eine Aufgabe bestand darin, dem eigenen Konzept verwandte Schriften zu suchen, deren Merkmale herauszuarbeiten, zu beschreiben und daraus Schlüsse für den eigenen Entwurf zu ziehen. Daran anschließend wurde gezeichnet, korrigiert, nicht selten auch verworfen und von vorn begonnen. Beim wöchentlichen Kurstreffen präsentierte jeder seinen Arbeitsstand und konnte Anregungen und Kritik von Professorin Nolte und der anderen Kursteilnehmer einholen. Volker Schnebel, Type Director bei URW++ in Hamburg, war wie in den Jahren zuvor zwei mal im Kurs zu Gast. Neben einem Überblick über seine eigene Arbeit in der Foundry begutachtete er die studentischen Entwürfe und gab Verbesserungsvorschläge. Die für die Digitalisierung notwendigen Kenntnisse habe ich meinen Kommilitonen gegen Ende des Semesters vermittelt.



Die Ergebnisse der Arbeit waren bei der Semesterausstellung am 27. und 28. Juli zu sehen. Im Erdgeschosses des Neubaus der Fachhochschule hingen dreizehn Plakate, darunter jeweils ein Heft mit ergänzenden Informationen. Am Abend vor der Ausstellungseröffnung fand die Präsentation statt.

Der ein oder andere war vom tatsächlich notwendigen Zeit- und Arbeitsaufwand für den Kurses überrascht. Die Buchstaben des lateinischen Alphabets sind uns zwar vertraut – doch für das Erkennen dieser erlernten Formen ist es nicht notwendig etwas über den Verlauf von Strichstärkenkontrasten oder die Ausdehnung von Unter- und Oberlängen zu wissen. Über Proportionen und Harmonien zwischen Buchstaben muss man sich als gewöhnlicher Leser normalerweise nicht den Kopf zerbrechen. Was sonst nur unterbewusst wahrgenommen wird, haben die Kursteilnehmer bewusst nachvollzogen, um es gestalten können. Ein Gefühl für detailtypografische Feinheiten zu entwickeln ist zeitaufwendig. Wer sich die Anatomie der Buchstaben jedoch einmal selbst erarbeitet hat, schärft seinen Blick für die Details, die den Charakter einer Schrift ausmachen.

Selbst wenn viele der Schriften unvollendet bleiben und in der Schublade verschwinden sollten. Die gesammelten Erfahrungen haben praktischen Wert. Sie können bei der Auswahl und Kombination von Schriften oder beim Setzen von Texten helfen. Und einige der in diesem Semester begonnenen Schriften werden mit Sicherheit weiterentwickelt und dann auf dieser Seite auftauchen.

Schrift (Designer): Nita (Tine Hild), Porsinokel (Lukas Laibacher), Livia (Lisa Wolfahrt), Aurelia (Regina Rüttiger), Olong (Marc Niewiadomski), Falun (Florian Fecher), Creatunda (Daniel Ebert), GeO.12 (Oxana Seremeta), Elodie (Stephanie Wendt), Baltica (Klara Stein), Lumberjack (Tom Kirchgässner), Komplex (Fabian Sandritter)

Fotos: Tom Kirchgässner, Lisa Wohlfahrt, Florian Fecher