

KONZEPT
Der Entwicklung der „vox“ liegt der Wunsch nach einer neuen Form der Auszeichnung zu Grunde.
Auszeichnungen finden im Mengensatz klassischer Weise entweder durch Kursivierung, Fetten oder Unterstreichen statt. Meine Idee war, die am häufigsten eingesetzte Kursivierung durch eine Linksneigung – im Gegensatz zur bekannten Rechtsneigung – zu erweitern.
Nun muss man wissen, dass die Linksneigung von Schrift nichts gänzlich Neues ist. Schon im Bleisatz gab es Ende des 19. Jahrhunderts einen linksgeneigten Schriftschnitt einer Fraktur, der tatsächlich bei Zeitungen zum Einsatz kam. Auch in der zeitnahen Vergangenheit finden sich ganz vereinzelt Ansätze von Schriften mit Linksneigung.
Und trotzdem muss festgestellt werden, dass diese Art mit Schrift umzugehen im westlichen Kulturkreis exotisch und verpönt scheint. Ein gern genanntes Argument ist dabei, die Linksneigung sei gegen die „Leserichtung“. Das ist allerdings aus meiner Sicht kein Argument, das wirklich dagegen spricht. Denn wenn wir uns beispielsweise die Handschrift der Hebräer ansehen, merken wir, dass es hier ganz normal ist, gegen die „Leserichtung“ zu schreiben. Genauer: Die Handschrift der Hebräer und auch deren kursive Druckbuchstaben neigen sich deutlich nach rechts. Der Hebräer liest und schreibt von rechts nach links und stört sich offenbar nicht an der Neigung gegen seine „Leserichtung“.
Vor diesem Hintergrund spricht aus meiner Sicht nichts gegen den Versuch, eine Linkskursive als Auszeichnungsschrift für den Mengensatz zu entwickeln.
Damit eine Kennzeichnungsschrift auch wirklich sinnvoll ist, muss diese eine bestehende Schrift-
familie ergänzen. Daher habe ich für das Experiment die „Streitschrift“ rotis ausgewählt.
Das maßgebliche Ziel der vox ist es zur Schriftfamilie der Rotis zu passen. Für den Mengensatz ist diese Auszeichnungsschrift allerdings weniger geeignet. Das ist aber auch gar nicht ihr Anliegen. Sie ermöglicht neben der klassischen Kursiven eine weitere Option der Auszeichnung. Das Einsatzgebiet kann dabei sehr vielfältig sein. Die vox könnte zum Beispiel in einem Interview zusammen mit der Rechtskursiven Frage und Antwort visualisieren.
Abschließend kann man bei diesem Experiment noch den Hinweis geben, dass die Hebräer schon immer gegen die Leserichtung, ähm Schreibrichtung schreiben und lesen, was auch immer … Für jene die das auch möchten, gibt es jetzt die vox! Die meisten Gestalter mögen Linksgeneigtes angeblich nicht. Das muss allerdings nichts heißen, denn eine Umfrage – zugegeben nicht wirklich repräsentativ – hat ergeben, dass die linksgeneigte „Rotis“, wenn sie anstatt der Rechtsgeneigten zum Einsatz kommt, vom Leser gar nicht als solche erkannt wird. Vier von fünf Testlesern stellten nichts Ungewöhnliches fest. Nur ein Leser beschwerte sich über die mäßige Lesbarkeit. Es stellte sich später allerdings heraus, dass er nur seine Lesebrille nicht zur Hand hatte. Die Gegenüberstellung der Linksgeneigten und der Rechtsgeneigten in einem Text führte allerdings bei allen Testlesern zum Erkennen der zwei Neigungen.
MINUSKEL IM VERGLEICH

Der Neigungswinkel der Rotis Serif Kursiv = 11,4°
Der Neigungswinkel der vox = – 11,4
Versalien und Zeichen mit Oberlängen (inklusive i und j) haben einen Winkel von nur – 9,8°

8 Kommentare
nicht “hebräer” — israelis.
“hebräer” bezeichnet angehörige der israeliten, ist also spezifisch für schriften des tanach oder des alten testaments in der bibel.
Das ist so ein verdammt großartiger Font.
Ist auch eine Regular oder Bold Variante geplant?
Hallo Vinzenz,
schönes Projekt! Wenn man überlegt, dass die Formen der Breitfeder enstammen, müssten die Endstriche aber den gleichen Winkel wie bei der rechtskursiven haben. Dann wirds auch harmonischer und passt noch besser zur Rotis. Durch die offeneren Endstriche kann man die beiden Kursiven dann auch besser unterscheiden. So macht der Font ein bisschen den Eindruck, als wäre er nur schräggestellt worden (Vergleiche echte Kursive mit Oblique). Die Punzen bekommen dann auch harmonischere Formen. Wenn man von der Breitfeder ausgeht, dürfte eine Linkskursive bei gleicher Schriftstärke sogar fetter aussehen. Anderer Grauwert als die Rechtskursive, Unterscheidung noch deutlicher, alle glücklich. Bin gespannt, ob du da noch weiter dran arbeitest. Würd sich lohnen. Frutiger lesen! :)
Hallo Vinzenz,
der »Hebräer« entstammt der Bibel, im richtigen Leben nennt man diese Leute »Juden«. Nur als kleiner Hinweis ;)
Dein Vergleich ist deshalb grundlegend falsch, weil die hebräische Schrift von rechts nach links geschrieben UND gelesen wird, ebenso wie die arabische. Ein besserer Vorwand wäre beispielsweise linksgeneigte Handschrift (oft auch bei Linkshändern) oder die Tradition der linksgeneigten Kartenschriften gewesen…
Grüße,
Jula
@Jula: “Der Hebräer liest und schreibt von rechts nach links und stört sich offenbar nicht an der Neigung gegen seine „Leserichtung“.”
Zumindest hat das meine Recherche ergeben. Vielleicht kommt diese Neigung gegen die „Leserichtung“ daher, dass es unter denen die diese Handschrift können, auch viele Rechtshänder gibt? Damit wäre die Neigung ein Ergebnis der Handgelenksbewegung?
„Grundlegend falsch“ oder „Vorwand“: Jula, falls Du wirklich mehr weißt oder vielleicht diese Handschrift kannst, nur her mit echten Infos! :)
Zu linksgeneigten Kartenschriften: http://www.typografie.info/2/showthread.php/23734-R%C3%B6misch-Linkskursiv?highlight=linksgeneigt
http://www.typografie.info/2/showthread.php/21202-Kursive-r%C3%BCckw%C3%A4rts?highlight=linksgeneigt
Sehr geehrte Damen und Herren,
zur Schrift “vox” habe ich zwei Fragen:
1. Wo kann man sie beziehen?
2. Was kostet eine Einzelplatz-Lizenz für eine
einmalige Anwendung (Stammbaum der griechischen Götter)?
Im Voraus herzlichen Dank für Ihre Atworten.
Franz W. Kuck
Hallo Vinzenz. Kunst und Wissenschaft ist Thema des 2012-Museumsnacht in Coburg. Magst Du etwas beitragen.
Ich würde gerne den Fisch, der das Kreuz trägt, bei Museumsnacht irgndwie integrieren. Sie ist am 8. oder 9. September 2012.
Liebe Grüße Gerhard 0160 539 0436