Es scheint, die geschichtliche Entwicklung habe dem modernen Schriftgestalter an den Rand seiner Existenz manövriert, aber die geschichtliche (Weiter-)Entwicklung ist auch seine Rettung:

Der Mensch braucht den Wandel und die Veränderung, er braucht eine Differenzierung zu dem bereits Bestehenden, um sich selbst als Individuum neu definieren zu können.

»Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Geschichten, die die Menschen sich erzählen. Und es sind immer die gleichen. Trotzdem gibt es immer wieder neue Filme.«

stellt der niederländische Schriftgestalter Albert-Jan Pool (*1960) fest [1] . Auch in der Mode werden immer wieder neue Schnitte für die selben Körper entworfen und ein Musiker singt in bekannten Melodien über bekannte Gefühle: Über Sehnsüchte, Hoffnungen und die Liebe.

»Solving problems is the lowest form of design …«

formuliert der Jurist und Schriftgestalter Matthew Butterick (*1970) euphorisch [2]:

»… It wants us to fill them [the items] up, fill them with ideas, emotion and humor and warmth.«

Und eben diese Emotionen lassen sich immer wieder aufs Neue visualisieren – wenn auch die Funktion innerhalb der Visualisierung die selbe bleiben mag, denn ein A bleibt ein A. Der Drang, das Bestehende umzudenken und neu zu erzählen – wenn auch währenddessen in Teilen auf das Bestehende zurückgreifend – ist wohl die menschliche Eigenheit, die die Kunst am Leben hält und Kommunikationsdesign erst relevant macht.
Die stetig geistige Weiterentwicklung unserer Kultur bedingt ebenso Umbrüche in ihrer technischen Umsetzung: Handschriftlich geschriebene Bücher zum Beispiel haben sich zu in Bleilettern gesetzten Massenmedien gewandelt, wurden später im Fotosatz belichtet und stehen uns heute auch auf Bildschirmen zur Verfügung. Obwohl die Technologien sich geändert haben mögen, der lesende Mensch hat es kaum; folglich sind die Schriften, die er liest, im Großen und Ganzen die selben geblieben. Dennoch mussten die alten Buchstabenformen an jeder Schwelle einer grundlegend neuen Technik neu beschrieben werden, um diese zu überschreiten: Selbst wenn alles grundsätzlich zu existieren schien, die Art und Weise wie es existiert änderte sich.

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Auch mit dem Aufkommen neuer Zeichen, wie beispielsweise den Währungssymbolen des Euros (1997) oder der türkischen Lira (2012), ist die Schriftgestaltung gefragt diese Zeichen in eine Balance aus offiziell definierter Konstruktion und den Kontext der jeweiligen Schriftart zu bringen. [3]

Aktuell ist die dominierende Technologie die Darstellung von Schrift auf Bildschirmen.

»95% of the information on the web is written language«

sagt der studierte Philosoph und Informationsarchitekt Oliver Reichenstein (*1971) [4] und folgert, dass Web Design demnach zu 95% Typografie sei. Die neuen Medien sind also stark textbasierte Medien, denen die typografische Gestaltung in ihrer subtilen Art wie gerufen kommt. Und mit der Typografie rückt auch die Schriftgestaltung wieder mehr als wichtiges Gestaltungselement in den Fokus, in Teilen sogar als das einzig verfügbare. Im Übrigen war und bleibt Schrift auch in den Printmedien eines der grundlegendsten Gestaltungsmittel:

Nicht jede Idee lässt sich bildlich ausdrücken, wird Sprache gebraucht, um diese zu beschreiben, ist Schrift nötig, um sie zu inszinieren.

Im Englischen wird das einzelne Schriftzeichen mit dem Begriff character übersetzt, eine Schrift kann also auch eine Aneinanderreihung von Charakteren sein, welche dem Text Identität verleiht. Erik Spiekermann vergleicht Schriften – typefaces – sogar mit Gesichtern, die gleich dem Menschen Emotionen ausdrücken können. [5]

Ungeachtet der Für- und Widerworte zu der Relevanz von neuen Schriften für unsere Kultur, die Motivation eine Schriftart zu gestalten ist auch immer eine persönliche. Dem einen mag das Subtile, die Details im Detail reizen. Denn wenn niemand Einzelheiten in Lesetextgrößen bewusst bemerkt, können diese nach Belieben geändert werden. Dennoch sind diese Details vorhanden und schwingen mit fast schon manipulativer Kraft unterbewusst mit. Einen anderen Schriftgestalter kann der Kontrast motivieren, sich einerseits in Zeichendetails zu verlieren und andererseits die Komposition vieler verschiedener Zeichen zu einem Schriftbild im Blick zu behalten. Oder die pure Formalästhetik begeistert; die Gestaltung, die nur Kurven, Kanten und Proportionen kennt; die nur klare Formen, nur ein Schwarz oder Weiß benötigt, um vollkommen zu sein. Die Herausforderung bestehende und in sich begrenzte Formen immer wieder neu zu beschreiben, ohne dessen Bedeutung grundlegend zu ändern, kann genauso Antrieb sein, wie der Gedanke, ein Werkzeug zu schaffen, das erst durch die Benutzung, das Zusammenspiel mit anderen Gestaltern, seine volle Wirkung entfaltet. Zu sehen welche Vielfalt die eigene Idee nach der Interpretation durch anderer hervorbringt, vermittelt fast die Illusion man selbst sei der Uranstoß (die Inspiration) der (typografischen) Gestaltung.

Auszug aus

Die Gestaltung einer Textschrift ist immer das Gleiche, aber nie dasselbe! ein Auszug aus ą–ž –Entwicklung einer modernen Textschrift von Jakob Runge, bei Prof. Dr. Norbert Schmitz, Institut für Kunst, Design- und Medienwissenschaften, Kiel, 2013

Quellen

[1] Pool, Albert-Jan: Interview mit Stilvorlagen#6, 2011, URL http://vimeo.com/18718378
[2] Butterick, Matthew: aus dem TYPO Berlin Vortrag Reversing the Tide of Declining Expectations, 2012, URL https://typotalks.com/de/video/2012/05/19/matthew-Butterick-gegen-die-stromung-der-sinkenden-erwartungen.
[3] Das Eurozeichen wurde offiziell als ein kreisrundes E mit zwei schräg angeschnittenen, waagerechten Strichen definiert, viele Schriftgestalter passen dieses jedoch den anderen Buchstabenformen einer Schrift an und verringern dessen Breite in Entsprechung zu den Ziffern, um einen Tabellensatz möglich zu machen.
[4] Reichenstein, Oliver: Web Design is 95% Typography, 2006, URL http://informationarchitects.net/blog/the-web-is-all-about-typography-period
[5] Vlg. Spiekermann, Erik und Ginger, E.M.: Stop Stealing Sheep and find out how type works, Peachpit Press, Californina, 2003, S. 44 ff.