temps fatal - abkürzungen für die schriftdigitalisierung, jakob runge

Zeit ist mitunter der größte Faktor, der dem Schriftgestalter Probleme bereitet – Die ersten Glyphen sind reingezeichnet, aber es fehlen noch jede Menge diakritische Zeichen, eine Kursive wäre prima, weitere Schriftschnitte noch besser, eigentlich steht schon die Idee für die übernächste Schrift und trotzdem muss man immer noch am kleinen “e” die Vektoren minimal anpassen…

Nicht zu bestreiten, Gut Ding will Weile haben, aber es gibt ein paar Abkürzungen auf dem langen Weg der Schriftdigitalisierung.

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von Illustrator zu Fontlab


Wer im Illustrator mit Zeichendigitalisierung startet geht oft einen Umweg, da sich in FontLab wesentlich genauer und komfortabler mit Vektoren arbeiten lässt.
Bei geometrischen Schriften und Zeichen mit nahezu gleicher Strichstärke aber kann der Illustrator zum einen Arbeit und zum anderen evtl. Zeit zur Umgewöhnung an ein neues Programm sparen. Damit beim Übertragen der Vektoren alles glatt geht, gibt es hier ein sehr tief greifendes Tutorial von Sigurdur Armannsson: www.font.is/2005/10/fontlab-using-illustrator-to-draw-fonts-for-importing-into-fontlab. Wer mit der Creative Suite 5 unterwegs ist, sollte allerdings noch folgendes lesen: www.font.is/2010/09/love-relationship-between-illustrator-and-fontlab-partly-broken-with-cs5/.

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FontLab-Actions


Mit FontLab kommen bereits einige Transformations-Scripts (Tools > Action) für die Manipulation von Vektoren, Hilfslinien, Vor- und Nachbreiten sowie optischen Effekten.  Sie sind nicht immer die besten – wie “Action > Bold” zeigt – aber leisten durchaus gute Hilfestellung, wenn es beispielsweise darum geht, eine kleine Änderung in der Zurichtung auf  den ganzen Zeichensatz zu übertragen (Bei  “Apply to the entire Font” auf evtl. doppelte Transformation der Components achten)
Die ganzen Aktionen lassen sich auch im Stapel abhandeln (> Tools > Action Set) – was Zeit für einen Kaffee schafft, den mitunter größte Push-Faktor des Schriftgestalters.

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Fontlab schneller bedienen

Wie in jeder Software beschleunigen Shortcuts die Arbeit rapide. Eine komfortable Übersicht gibt es bei Ben Kiel zum PDF-Download: www.benkiel.com/typeDesign/data/fontLabKeys.pdf

Wen das englischsprachige Manual von FontLab nicht ausreicht, wird mit der deutschsprachigen, ausführlichen Einführung in die Software von Sonja Ladebusch glücklich: www.typologic.de/images/vfb_script.pdf

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Vektormanipulationen interpolieren


Versetzt man einen Ankerpunkt innerhalb eines optisch ansprechenden Glyphen manuell per Maus oder Tastenschritte, so ergeben sich mitunter unschöne Kurven. Grund ist, dass die dem Ankerpunkt anliegenden Tangenten in ihrer Steigung nicht verändert werden. Abhilfe schafft das kostenlose FontLab-Plugin “Interpolated Nudge” von Betatype. Durch die simple Mathematik des Plugins werden die Tangenten automatisch mit-interpoliert und Zeichen lassen sich recht schnell in ihrer Form ändern, ohne dass zuvor mühsam und fein geschwungene Kurven zerstört werden.


Das auf dem “Interpolated Nudge” aufbauende “EMT Interpolate Panel ” hilft mit selben Prinzip und fügt noch ein praktisches Fenster zur Steuerung der Ankerpunkt-Verschiebung hinzu. Im Gegensatz zu “Interpolated Nudge” lassen sich hier die Werte um einiges leichter verändern und die Vektor-Manipulation wird direkt optisch sichtbar und somit besser steuerbar.


Karsten Luecke Type setzt mit seinem “KLTF Transformer” noch einen drauf und hat in seiner Script- und Ressourcen-Sammlung zur Schrift-Produktion noch etliche weitere praktische Tools und Tipps vorrätig.

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Zwischen Schriften interpolieren


FontLab bietet mit dem Anlegen von “Multiple Master” und den daraus folgenden Interplationsmöglichkeiten eine Menge Optionen um Zeit zu sparen. Das Prinzip funktioniert grob gesagt folgender Maßen: Zwei unterschiedliche Font-Dateien  (A, B) werden zu einer “Multiple Master”-Datei (AB) umgewandelt; aus dieser lassen sich nun innerhalb der beiden Extreme (A, B) jegliche Zwischenschritte interpolieren (C) oder darüber hinaus neue Daten extrapolieren (D). Diese allerdings interpretieren nur per mathematischer Intelligenz aus den bestehenden beiden Extreme – aus ästhetischen Gesichtspunkten muss bei den extrapolierten Schriften entweder eine Menge korrigiert oder gleich ein stärkeres Extrem gezeichnet werden.
Trotz alledem,  mit “Tools > Blend Fonts (Bulit the Multiple Master Font)” lassen sich aus einem Light- und einem Bold-Schnitt ein fast fertiger Regular-Schnitt ohne Zeichenarbeit errechnen (Tools > Multiple Master > Generate Instance). Genauso kann mit Interpolation bei unterschiedlichen Laufweiten etc. verfahren werden.
Wer spielen möchte, kreuzt sich mit selben Prinzip aus zwei unterschiedlichen Schriften eine Neue, die dann Grundlage für weitere Zeichnungen bieten kann.

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Kursive erstellen


Die von “Font Remix Tool” Tim Ahrens sind nicht kostenlos zu haben, bieten aber eine absolut professionelle Alternative zu den mittelmäßigen “FontLab Actions”. Der “Slanter” beispielsweise kippt die Glyphen nicht um die gewünschte Gradzahl (FontLab > Action > Slant), sondern berechnet die Ankerpunkte und Tangenten neu. Das geslantede Zeichen behält so die Ankerpunkte an den Extremen und lässt die Tangenten rein vertikal/horizontal ausgerichtet.

[Ein ausführliches Tutorial zum Thema "Kursive in der digitalen Schrifterstellung" kommt in Kürze]

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Schriftgewichte überprüfen


Sollte alles wie am Schnürchen laufen und aus der Interpolation zwischen ExtraBold und Light sind SemiLight, Regular und Bold generiert, lässt sich mit den FontLab-Plugin “Autopsy” analysieren, ob alle Schriftschnitte in einem gleichmäßigen Verhältnis dicker bzw. dünner werden, und ob einzelne Zeichen aus der Reihe tanzen.

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Zeichensatz ausbauen


Wenn es darum geht, die fertig gestaltete Schrift mit diakritischen Zeichen fit für alle lateinischen Sprachen zu machen, lohnt es sich definitiv “Components” zu nutzen.  “Components” sind Verknüpfungen zu bereits bestehenden Zeichen – ein “ų” (uogonek) besteht dann lediglich aus seinem Unicode sowie dem eingebettetten “u” und “˛” (ogonek). Ändert man nachträglich das Design des  “u” oder des “˛”, aktualisiert sich das “ų” automatisch. Genauso werden “ù”, “ú”, “ü” usw. erstellt.

Damit die Gestaltung der kombinierten diakritische Zeichen auch tatsächlich von den benutzenden Volksgruppen gelesen werden können, lohnt es sich sehr, die von Filip Blažek verfasste Seite www.diacritics.typo.cz/ zu besuchen. Adam Twardochs “Polish Diacritics: how to?” und www.ilovetypography.com/2009/01/24/on-diacritics ergänzen das Ganze und verhindern, dass die Schrift im Nachhinein nochmal überarbeitet werden muss.

Ben Kiel hat an dieser Stelle nicht nur ein PDF mit Shortcuts, sondern auch ein FontLab-Script, das die diakritischen Zeichen automatisch erzeugt: www.benkiel.com/typeDesign/scripts/downloads/accentTools.zip


Vor allem dann, wenn schon fest steht für welchen Sprachraum die Schrift geplant ist, sollte man direkt die Kodierung des Zeichensatzes festlegen. So wird deutlich, welche Zeichen noch ausstehen und welche Glyphen erst gar nicht erstellt werden müssen.
Bei Zweifeln mit dem Unicode und der Suche nach der Codierung für ein Icon oder Sonderzeichen geben www.decodeunicode.org und www.fileformat.info Auskunft.

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Zurichtung & Kerning


Kerning bzw. auch die vorherige Zurichung kosten eine Menge Zeit, da gerade beim Kerning die Kombinationsmöglichkeiten von kritischen Zeichenpaaren mit jedem Sprachraum-Extra ins Unermessliche steigen. Die einfache Lösung “class based kerning”:  u.a hier http://vimeo.com/681300 wird erklärt, wie eine “AV”-Unterschneidung automatische Vorlage für “ÄV”, “ÁW” etc. sein kann.

Zum Einstellen des Kernings bzw. Testen der Funktionalität der Kerning-Klassen bieten sich folgende Texte an:
Robert Bringhursts Herz- und Nieren-Test für Schriften, mit deutschsprachiger Ergänzung auf www.typefacts.com/kerningtest. Eine Sammlung an Texten zum Kernen auf Typophile www.typophile.com/node/29545. Und der Test-Text aus “Logo, Font & Lettering” von Leslie Cabarga http://logofontandlettering.com/kernking.html.


Weitere Texte mit kritischen Kerningpaaren und vielmehr auch Bildtexten für unterschiedliche Sprachräume lassen sich sehr individuell mit “Just Another Test Text Generator” von Tim Ahrens erstellen.

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Trotz aller Vereinfachungen und Abkürzungen:

Routine verkürzt die gefühlte Lebenszeit.

Zeit für das Schreiben und Gestalten für diesen Artikel: lieber nicht nachrechnen …
… immerhin steht mit dem Teaser-Bild ein neuer Schriftentwurf  für eine weiche Stencil Sans-Serif …