In diesem Jahr auf der TYPO Berlin eine TypeReview statt. Die Mitglieder des TypeBoards, das sonst über die Aufnahme neuer Schriften in die FontFont Library bestimmt, bewertete Entwürfe zum ersten mal überhaupt öffentlich und gab Tips ab.

Das ansonsten zweimal jährlich tagende TypeBoard besteht aus mehreren Personen, von denen am 17. Mai Erik Spiekermann, Erik van Blokland, Stephen Coles, Ivo Gabrowitsch, Andreas Frohloff und Jürgen Siebert auf der Bühne waren. Das TypeBoard beurteilt Schriftentwürfe unter ästhetischen, technischen und anwendungsbezogenen Gesichtspunkten. Wichtig ist darüber hinaus, ob es einen Markt für die neue Schrift gibt. Außerdem versucht man, möglichst wenig interne Konkurrenz durch zu ähnliche FontFonts aufzubauen. Originalität ist ein wichtiges Kriterium. Plagiate oder Vorschläge mit einer auffallenden Ähnlichkeit zu Schriften anderer Foundries versucht das TypeBoard auszusortieren. Darüber hinaus kann es durchaus vorkommen, dass ein ausgereifter Entwurf abgelehnt wird, weil er stilistisch einfach nicht in die Library passt.

Um die Aufnahme neuer Schriften ging es an diesem Tag jedoch nicht. Darüber war bereits am 15. Mai beraten worden. Bei der TypeReview auf der TYPO ging es eher darum, die Arbeitsweise des Gremiums zu erklären und nachvollziehbar zu machen, was sonst hinter verschlossenen Türen stattfindet. Jeder Designer konnte dafür eine Schrift einreichen, die er bewerten lassen wollte. Von Einzelschnitten bis zur Schriftfamilie war alles zugelassen. Ein TYPO-Ticket musste man dafür nicht erwerben, auch nicht für den Eintritt zur öffentlichen Sitzung. Während der TypeReview begann draußen das Mittagessen, trotzdem war das »Nest« im Haus der Kulturen bis zum letzten Stehplatz besetzt.

Erik van Blokland monierte am ersten Entwurf, er zeige nur eine Idee, die auch nicht konsistent umgesetzt sei, weil Haarlinien wie im e mal vorhanden, dann aber wieder, wie beim M komplett weggelassen würden. Die Welle an Stencil Schriften erklärte Erik Spiekermann unter anderem damit, dass vielen nichts originelles mehr einfiele und deswegen einfach etwas abgeschnitten oder ausgespart werde. Auf Stephen Coles in den Raum gestellte Frage »Why aren’t there stencils for small running text?« antwortete er »Because it doesn’t work.«

Diese Einreichung wurde schnell zur Seite geschoben weil nicht einmal klar wurde, was genau auf dem eingereichten Bogen die zu bewertende Schrift sei.

Das TypeBoard beurteilt möglichst anhand anonymer Schriftproben um sich in seiner Entscheidung nicht beeinflussen zu lassen. Nach der Konferenz versucht man, dem Gestalter mit Hinweisen für die weitere Arbeit zu antworten. In diesem Fall aber konnte Nina Stössinger, Designerin der FF Ernestine, von ihrem Sitzplatz in der ersten Reihe aus ihr Konzept einer Semi-Serif erläutern und sich direkt über die konstruktive Kritik freuen.

Auch dieser Entwurf wurde relativ schnell beiseite gelegt, vor allem weil anhand des eingereichten Bogens nicht klar wurde, wie genau der florale Font technisch funktioniert.

»The g is having a Party« meinte Stephen Coles und verwies darauf, dass dieser Buchstabe im Vergleich zu den anderen das Fleisch in den Ink-Traps zu hart reduziere. Erik van Blokland gab den Hinweis, dass die einzelnen Schnitte (Thin, Extralight, Light, Regular, Medium, Bold und Extrabold) deutlicher voneinander unterscheidbar sein müssen. Es gebe zwar einen Markt für technoide Schriften wie diese, erklärte Erik Spiekermann. Allerdings hat die FontFont Library mit der FF Q-Type und FF Signa bereits Schriften mit einem ähnlichem Konzept im Portfolio.

Im Hinblick auf das a erklärte Erik Spiekermann, dass die Idee für einen einzelnen Buchstaben selten auf ein ganzes Alphabet übertragbar sei. Das Design sei in den Buchstaben nicht konsistent umgesetzt.

Jakob hatte seine Franziska bereits beim offiziellen TypeBoard am 15. Mai eingereicht. Eine geschmackvolle, »slabby« Serifen-Schrift, dynamisch mit robustem Kontrast und sicherlich auch am Bildschirm ausgezeichnet lesbar: »a perfect typeface, I Iike it a lot«, lobte Erik Spiekermann. Ivo Gabrowitsch wies im Hinblick auf die große Auswahl unterschiedlichster Pfeile in der Franziska noch einmal darauf hin, dass diese selbst in sonst gut ausgebauten Schriften oft fehlten. Also, liebe Schriftgestalter: Denkt an die Pfeile!

Farbe, vor allem wenn sie wie in diesem Beispiel eingesetzt wird, macht ein Specimen nicht besser. Sie erschwert u.a. die Beurteilung des Grauwerts und die Beschaffenheit der Outlines. Es gibt zwar keine zwingenden Vorgaben für Einreichungen, die Seite How to submit gibt aber einen Überblick darüber, was auf den eingesendeten Bögen enthalten sein sollte. In Bezug auf den »Balck«-Schnitt [sic] wurde darauf hingewiesen, die Rechtschreibprüfung einzuschalten und ordentlich Korrektur zu lesen.

Mit der Tilde, die auch auf 26+ präsentiert wird, ging man hart ins Gericht. Die Schrift funktioniere einfach nicht und niemand brauche eine (weitere) schlecht gezeichnete geometrische Serifenlose. Die Schrift der beiden Studenten Markus John & Armin Brenner ist deren Erstlingswerk. Ein erster Ausflug in die Schriftgestaltung besitzt in den seltensten Fällen bereits einen Qualitätsstand, der für die Veröffentlichung bei einer namhaften Foundry ausreichend wäre. Wer Tips für die beiden hat, kann diese gerne in den Kommentaren zur Tilde los werden.

Eine Schrift für Fließtexte mit einem gut ausgebauten Zeichenvorrat die versuche, ein Monotype Revival nachzuahmen und ein wenig an die Bembo erinnere, lautete das Urteil. Für einen originellen FontFont reicht das jedenfalls nicht aus.

Die Libertad ist eine humanistische serifenlose Grotesk-Schrift – und davon bietet die FontFont Library einfach schon sehr viele sehr gute Exemplare. Die Großbuchstaben seien unter Umständen etwas zu leicht, auf jeden Fall aber in Großschreibweise zu eng gesetzt. Am ß, das eher der neu eingeführten Großbuchstabe ẞ sei, meinte das FontBoard erkennen zu können, dass der Designer kein Deutscher sei. Damit lagen sie richtig. Fernando Díaz arbeitet in Montevideo, Uruguay.

Zuletzt wurde die Milano besprochen, »inspired by the City of Milan«… »and the city of Neutraface« wie Stephen Coles ergänzte. Auch hier wurde darauf hingewiesen, dass der fette Schnitt zu leicht gestaltet sei und sich somit der Medium-Schnitt nicht stark genug vom Regular- oder Bold-Schnitt absetze. Eine Milano gibt es übrigens auch schon bei ITC. Der Gestalter wird sich also noch einmal auf Namensuche machen müssen. Auch das kommt öfter einmal vor, nachdem ein Entwurf angenommen wurde.

Nach etwa einer Stunde waren alle Schriften besprochen und das Publikum konnte den Rest der Mittagspause am Spreeufer in der Sonne verbringen. Natürlich gibt es mit der Seite How to become a FontFont-Designer bereits einen guten Überblick darüber, was für eine Einreichung wichtig ist. Bei der TypeReview konnte man sich aber zum ersten mal selbst ein Bild machen von der Anwendung der Bewertungskriterien auf konkrete Beispiele und die unmittelbare Kritik für Schriftgestalter ist unbezahlbar. Ob es nächstes Jahr in Berlin oder bereits in London zu einer Neuauflage kommt, ist noch nicht bekannt.