Sehen wir uns die Groteskschriften des beginnenden 20. Jahrhunderts an, denken wir an geometrische Konstruktionen, architektonische Klarheit oder avantgardistische Vereinfachung. Werfen wir jedoch einen Blick in die gesellschaftlichen Umwälzungen einer ganz anderen Zeit – nämlich der Renaissance zu Beginn des 16. Jahrhunderts  – werden wir feststellen, dass schon damals ganz ähnliche Bestrebungen im Bereich der Schriftgestaltung in Erscheinung treten. So finden sich vor allem in Italien humanistische Gelehrte, die sich mit Proportion und Verhältnis der Natur und deren Übertragung in die verschiedenen Disziplinen der Kunst und des Handwerks beschäftigen.

Als Albrecht Dürer 1525 in Nürnberg seine »Underweysung der messung mit dem zirckel und richtscheyt« drucken lässt, ist er der erste, der ein Kompendium derartiger mathematischer Überlegungen in deutscher Sprache verfasst. Das Buch enthält neben einer Grundlehre der Geometrie weiterführende Überlegungen und Anwendungen auf verschiedensten Gebieten wie der Perspektive, der Architektur oder der Typografie. Zu all dem führt im Allgemeinen das in der Rennaissance erwachende Interesse an der Antike und ihren Wissenschaften und im Besonderen die Beschäftigung mit dem vom griechischen hergeleiteten römischen Alphabet.

Dessen Versalbuchstaben geometrisch und somit wissenschaftlich herzuleiten, spiegelt sich zum Beispiel in den konstruierten Entwürfen der italienischen Kalligraphen Felice Felicianos (1433–1479) oder Damianus Moyllus’ (1439–1500) wieder, die auch den Mathematiker Luca Pacioli (wahrscheinlich 1445–1514) inspiriert haben dürften eine von den idealen Proportionen hergeleitete Schrift in seinem Hauptwerk »De divina proportione« (gedruckt 1509) einzugliedern. Diesen wiederum trifft Albrecht Dürer (1471–1528) wahrscheinlich im Jahre 1506 seiner zweiten Italienreise in Bologna, um von ihm in die Wissenschaft der Perspektive eingewiesen zu werden:

»Dornoch wurd ich gen Polonia reiten vunder kunst willen in heimlicher perspectiva / dy mich einer leren will«


Dürer fügt dem klassisch-lateinischen Alphabet die Konstruktion des .Z. und einige stilistische Alternativen einzelner Buchstaben hinzu, deren Konstruktion er Schritt für Schritt im Du-Imperativ erklärt und damit seiner in der Widmung an Willibald Pirckheymer erklärten Absicht ein pädagogisches Grundlehrbuch schaffen zu wollen nachkommt:

Der transkribierte Originaltext ist bei Wikisource, der Scan des Originalbuches zum Beispiel bei der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden einsehbar.

»… Die weyl aber die [Kunst der Messung] der recht grundt ist aller mallerey / hab jch mir fuergenomen allen kuenstbegyrigen jungen / eyn anfang zuostellen / vnd vrsach zuegeben damit sie sich der messunge zirckels vnd richtscheyt / vnderwinden vnnd darauß die rechten warheyt erkennen vnnd vor augen sehen moegen / damit sie nit alleyn zuo kuensten begirig werden / sonder auch zu eynem rechten vnd groesseren verstant komen moegen …«

Dürers Zeichnungen sind in digitalisierter Form zusammen mit einer Schriftinterpretation unter dem Schriftprojekt »ARGONAUTE« einsehbar.

Im Gegensatz zu Pacioli wendet er sich nicht nur an »Studirende der Philosophie, Perspective, Malerei, Sculptur, Architektur, Musik und anderer mathematischer Fächer« (Constantin Winterberg, »Divina Proportionen, die Lehre vom Goldenen Schnitt« 1889, Carl Graeser, Wien), sondern explizit an Hand- und Kunsthandwerker:

»Demnach hoff jch diß meyn fuernemen vnd vnderweysung / werde kein verstendiger dadelen / die weyl es auß einer gutten meynung vnd allen kuenstbegirigen zuo guet geschicht / vnnd auch nicht alleyn den maleren / sonder Goldschmiden Bildhaweren Steynmetzen Schreyneren vnd allen den so sich des maß gebrauchen dienstlich seyn mag / jst niemand gezwungen sich diser meiner ler zuo brauchen / jch weyß aber woll wer sich der vndersteen / wirdet nit allein eynen gruentlichen anfang darauß fassen / sonder durch den taeglichen brauch / zue eynem groessern verstand reichen / weytter suechen vnd gar vil mehr dann jch ytzt anzeyg erfinden«

Desweiteren behandelt Dürer in seiner »Underweysung« nicht nur die von der katholischen Kirche zur Hausschrift erklärte humanistische Minuskel; auch die Konstruktion einer Textur macht er sich zum Thema und geht dabei nicht wie zuvor in alphabetischer Reihenfolge vor, sondern konstruiert methodisch sämtliche Minuskeln aus ihrem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Darlegung der Majuskel beschränkt er auf eine exemplarische Darstellung ohne genauere Erklärungen, deutet jedoch abschließend die zahlreichen möglichen Erscheinungsformen und Ausführungsarten des gesamten Alphabets an. Die Konstruktion der Textur-Schrift ist im Detail unter dem Schriftprojekt »noris« zu sehen.