Für manche Studenten war ihr auf 26+ präsentierter Entwurf nur ein kurzer Ausflug in die Schriftgestaltung. Einige waren davon jedoch so fasziniert, dass sie weitergemacht haben. Philip Lammert ist einer von ihnen.

Seit einigen Wochen rührt er nun die Werbetrommel für seine erste kommerzielle Schrift. Anders als die 2011 bei uns präsentierte Comic Senf begreift er die Peter nicht mehr als studentischen Entwurf. Auf 26+ wird sie deshalb auch nicht auf einer eigenen Profilseite vorgestellt.

Wir wollten trotzdem mehr über diese Schrift und den Hintergrund ihres Gestalters erfahren. Im E-Mail-Interview hat er unsere Fragen ausführlich beantwortet: Über seine Projekte seit der Comic Senf und den Verlauf seines Studiums bis hin zur Entscheidung, sich als Schriftgestalter mit einer eigenen Foundry zu professionalisieren – was auch der Auslöser für die Gestaltung der Peter war.

26+ (FLORIAN) Es ist schon eine ganze Weile her, dass du die Comic Senf auf 26+ online gestellt hast. Gerade ist die erste Schrift deiner Foundry Calligrafiction erschienen. An welchen Projekten hast du in der Zwischenzeit gearbeitet?
PHILIP Die Comic Senf ist in meiner Freizeit im Bachelor-Studium in Düsseldorf entstanden. Auch wenn man dem Konzept meine Leidenschaft für Schrift wohl nur schwer ansieht, hatte mich das Thema damals längst gepackt. Für meinen Abschluss an der FH habe ich mich dann jedoch der Buchgestaltung gewidmet. Für das Buch habe ich, weil es zum Thema passte, innerhalb einer Woche noch eine unperfekte Grotesk für den Fließtext gestaltet. Um mich nach zwei Corporate-Design-Praktika trotzdem in der Schriftgestaltung vertiefen zu können, habe ich den Weg über ein Masterstudium gewählt. Im ersten Mastersemester habe ich mit einem Schriftentwurf experimentiert, den ich später aber nicht weiterverfolgt habe.

+ Wann entstand das Konzept zur Peter?
P Eigentlich hatte ich mich schon ein ganzes Semester mit dem Konzept für meine Abschlussarbeit auseinander gesetzt und wollte die Masterthesis anmelden. Die Peter kam mir dazwischen. Ich hatte mich darauf festgelegt, meine Masterschriftart später selbst unter dem Foundry-Namen Calligrafiction zu veröffentlichen. Natürlich beginnt man zu skizzieren, wie das Logo dazu aussehen könnte. Um der Welt nicht noch ein weiteres überperfektes kalligrafisches Lettering zu schenken, wollte ich lieber ein konventionelles Logo in der Tradition von Helvetica und Arial haben. Trotzdem sollte es im Rahmen einer eindeutigen Neo-Grotesk möglichst viele kalligrafische, beziehungsweise humanistische Verweise geben.

+ Neo-Grotesk bezeichnet die rationalisierte Fortsetzung der klassischen, statischen Grotesk-Schriften.* An welchen Stellen der Peter finden sich humanistische, dynamische Verweise?
P Die nicht-horizontalen Bogenabschlüsse beispielsweise, wie man sie von der Arial oder der National kennt, bewegen sich etwas vom rationalisierten weg. Einen leicht herausragende Sporn am Stamm der Glyphen wie dem n, wie man ihn aber auch bei der Univers oder der Corporate S hat, würde man eher bei einer humanistischen Serifenlosen erwarten. Der i-Punkt wurde wie selbstverständlich rund. Als ich den Logoentwurf zur Schriftart ausgebaut habe, durften sämtliche Diakritika (Akzent, Tilde, Ogonek usw.) dann auch keinem rationalen Formprinzip folgen, sondern wurden dynamisch, wie etwa bei der TheSans oder der Syntax Next. An dieser Stelle wird die Peter hybrid. Englischsprachigen Texten bleibt ihre humanistische Seite, wegen der fehlenden diakritischen Zeichen, also größtenteils verschlossen.

+ Warum hast du dich entschieden die Peter noch vor dem Masterprojekt auszubauen?
P Mein Masterstudium an der HAW Hamburg ist ein Kommunikationsdesign MA mit Type-Design-Schwerpunkt, kein Type-Design-MA. Es gab mehr Kurse, die mich vom gewählten Schwerpunkt abgehalten haben, als mir im Nachhinein lieb war. Nachdem ich alle Pflichtkurse abgeschlossen hatte, war ich wahrscheinlich froh, die Freiheit zu haben, mich endlich ausschließlich auf Schrift konzentrieren zu können. Obwohl ich mit dem fortgeschrittenen Konzept meiner Masterarbeit sehr zufrieden war, war die Liebe für Peter groß genug, um mich vorerst ihr zu widmen. Meine Masterarbeit ist eine dynamische Schrift, von der ich glaubte, dass sie aufwendiger als ein so rationales Konzept wie das der Peter ist, bei dem man konstruierend schnell mal hin- und herkopieren und rücksichtslos spiegeln kann und weniger auf optische Ausgleiche achten muss. Ein Irrglaube – wenn man mit etwas Anspruch an die Sache rangehen will – vor dem mich auch mein Bauchgefühl gewarnt hatte. Aber bei Peter habe ich eben auf mein Herz gehört (lacht digital). Und obwohl ich mit dem Konzept vor allem Konventionen bedienen wollte, war es eine befreiende Arbeit. Bei jeder Neo-Grotesk, die ich während des Prozesses analysiert habe, hat mich doch immer irgendwas gestört.

+ Wie verlief die Arbeit an der Peter? Gibt es Pläne für einen weiteren Ausbau?
P Die Arbeit an sich verlief relativ geradlinig. Nur aus einem Zahlensatz wurden dann schnell acht und – zack! – verschob sich mein Studium um ein ganzes Semester. Es hat sich aber gelohnt, wie ich finde. Jetzt ist erst mal meine Abschlussarbeit dran. Wer weiß, vielleicht baue ich den Zeichensatz der Peter im Anschluss noch weiter aus. Mit 600 Zeichen muss sich Peter bis dahin aber nicht verstecken.

* Leseempfehlung von Philip Lammert: The Anatomy of Type von Stephen Coles, Kapitel Key Classification Features.