Mark Frömberg alias mirQue hat in seiner Bachelorarbeit an der HTW Berlin eine Schrift entwickelt, deren Zeichen sich automatisch überlagern und überdrucken. Welche Gedanken und Techniken hinter der innovativen Idee der »Pigment« stecken, verrät uns Mark im Interview.

26+ (JAKOB) Mark, viele deiner Schriftentwürfe sind Script-Fonts. Welchen Stellenwert hat deine Handschrift und das Skizzieren von Schrift in deinen Entwürfen?
MARK: Meine alltägliche Handschrift hat da gar keinen Einfluss, ich habe wahrscheinlich nicht mal eine Handschrift. Die wechselt eher wie das Wetter – nur nicht so wiederkehrend.
Ich schreibe aber unwahrscheinlich gerne jeden Quatsch mit allen möglichen Werkzeugen. Daraus resultieren oft die Ideen für Schriftentwürfe, die dann mehr oder weniger stark den Geist der Vorlagen atmen. Eigentlich würde ich aber gar nicht sagen, dass ich Script-Fonts im Programm habe. Das sind eher scriptesque Schriften, die ihre geschriebenen Wurzeln nicht verleugnen, aber keine Handschrift simulieren. Es kommen zumeist nur bestimmte Anleihen zum Einsatz, wie zum Beispiel verschränkte Buchstabenpaare oder Ligaturen, die aus rein typografischer Sicht kein Mensch braucht aber hoffentlich doch gern hat, wenn ich sie auftische.
Dazu kommen werkzeugtypische Kontraste, Verbindungen und Strichenden, die ich dann für ein ruhiges Schriftbild idealisiere oder formalisiere. Schreiben und Skizzieren begleiten von den ersten Ideen bis über Reinzeichnungsphasen hinaus den ganzen Gestaltungsprozess.


(Lettering-Plakat mit Claudia Silbermann)

+ Betrachtest du dich eher als Illustrator oder als Grafiker der sich mit Schrift auseinandersetzt? Oder als Schriftgestalter mit illustrativem Background?
M: Detailtypografisch gesteuerter Grafik-Illustrator mit zwanghafter Schrift- und Bildmanie (In- und Output), unvollkommenoophil. Ich hoffe das ist was Ansteckendes.

+ Die Idee deiner Bachelorarbeit basiert auf der Kreuzung von Letterings und einem digitalen Schriftsystem. Was hat dich auf diese Thematik gebracht?
M: Ursprünglich ging es mir nur darum, in meiner Arbeit das zu Unrecht ein Schattendasein fristende Gestlatungsprinzip von chromatischen Schriften aufzugreifen und was vollkommen Neues zu schaffen. Das Überdrucken von Farben und das damit verbundene Spiel von Schnittmenge und Aussparung birgt unendliches Potential.
Jedenfalls spekulierte ich anfangs darauf, wurde aber auch von etlichen grafischen Studien die ich in der Findungsphase schuf bestätigt. Um in der kurzen Zeit auch ein Ergebnis zu liefern, engte ich meinen Aktionsradius radikal ein, indem ich mir Anforderungen stellte, die die Schrift allesamt erfüllen muss. Dadurch konnte ich viele Ansätze ausschließen und gezielter arbeiten.

Trotzdem gab es bald eine Fülle von Entwürfen, von denen keiner für mich funktionierte. Meine Mentoren (Jürgen Huber und Malte Herok) halfen mir, den Blick wieder weiter von oben auf die Schrift zu heben. Nun bekam das Wort statt dem Buchstaben seine Signifikanz zurück. Dann noch eine alte Idee mit customized-Lettering und OpenType-Tricks drüber gestreut und fertig war die Initialskizze von der alles andere ausging.

+ Und welche Rolle haben analoge Techniken wie der Siebdruck gespielt? — oder lag dein Antrieb in der digitalen Umsetzung?
M: Die analoge Umsetzung stand immer im Vordergrund, sie ist für eine emotionelle Wahrnehmung sehr wichtig. Wer ein gesiebdrucktes Plakat neben ein Offsetprodukt hält, weiß sicher was ich meine. Es ist bei der Pigment ratsam, mit transluzenten Farben zu arbeiten damit der Überdruck funktioniert, allerdings kann sie auch mit opaken Farben reizvolle Ergebnisse bringen.


Das erschwerte die Gestaltung und legte mir bei der Testphase reihenweise Steine in den Weg. Ohne ständigen Wechsel zwischen Normalansicht, Überdruckenvorschau und Konturansichten geht da nichts. Der Workflow muss angepasst werden, da man bspw. nicht nur im schriftgestalterischen Schwarz-Weiß oder Form-Nichtform denken und beurteilen kann.
Die nötigen Vorraussetungen für die digitale Umsetzung sind jedoch vorhanden, ich musste sie nur gezielt kombinieren. * [mehr dazu in der übernächsten Antwort]

+ Ist das nicht ein Widerspruch, individuelle Wortgebilde mit reproduzierbarer Zeichensystematik verbinden zu wollen?
M: Wenn Du es so formulierst: ja. Tatsächlich sehen bei der Pigment zwei identische Wörter auch identisch aus. Sie greifen auf genau dieselben Zeichen in derselben Reihenfolge auf. (Hier steht mir lediglich die Zeit im Weg. Natürlich könnte ich für jedes vorhandene Zeichen weitere Alternativen anbieten, die per Zufall ausgewählt werden.) Tauscht man allerdings nur einen Buchstaben – macht z.B. aus »Mutter« »Butter« – ändert sich das Wortbild schon deutlich. Und da jeder Buchstabe genau auf seinen Vorgänger zugeschnitten ist, verstärkt sich dieser Effekt bei jedem weiteren Buchstabentausch umso mehr.

+ Wie funktioniert die Nutzung der Schrift in InDesign und Co?

M: Wenn man die Schrift ohne Weiteres im Satzprogramm austippt, bekommt man zunächst ihr einfarbiges Gesicht – die Grotesk ohne Schnickschnack zu sehen. Für das verflochtene Wortbild aktiviert man das OpenType-Feature »Titelschriftvarianten« und färbt die Zeichen unterschiedlich ein. Dabei kann man sich von einer Formatverschachtelung helfen lassen, die ich exemplarisch eingerichtet habe und die als Vorlage zum Paket gehört. Es gibt für jede Farbe ein Zeichenformat und für jede Anzahl von Farben (zB 2-farbig, 3-farbig usw.) ein Absatzformat, in dem die Zeichenformate als Schleife durchlaufen. Die Farben können über die Farbpalette nach Belieben dokumentweit verändert werden. Damit die Überdruckenvorschau ordentliche Farbüberlagerungen anzeigt, sollte man die Farben am Besten als Volltonfarben anlegen.

+ Hast du in Laufe deiner Recherche noch andere Schriftsytsteme gefunden, in denen die Font-Datei eng mit einem Template zusammenarbeitet um die Gestaltungsidee umzusetzen?
M: Nein.
* [Nach dem Interview ist die »Modular« von Letterwerk.ch erschienen, die mit InDesign-Scripts und Illustrator-Aktionen arbeitet]

+ Die kleinen Illustrationen, sind die auch als Icons im Font enthalten?

M: Noch nicht, bisher gibt es nur die Sprechblase mit den Ausrufezeichen, von deren Art ein ganzes Set mit Pfeilen und kryptischen Glyphen geplant ist. Eis, Fernseher und Männchen kommen in reduzierter Form auch dazu.

+ Du hast den Font mit Glyphs entwickelt. Was hat dich an dieser Software überzeugt und welchen Vergleich ziehst du zu FontLab?
M: Klar der Preis auf der einen Seite, aber viel viel wichtiger ist, was man für das wirklich wenige Geld bekommt: eine Software, die sämtlichen professionelle Ansprüchen gerecht wird, wahnsinnig intuitiv ist und in einem unermüdendem Gewand die anstrengende Arbeit versüßt.
Wer mit Glyphs arbeitet weiß auch, wie schnell Georg Seifert auf auftretende Probleme reagiert, Updates nachschiebt, und immer offen für unkonventionelle Workflows ist. All das ist goldwert, wenn man ebenso unkonventionelle Konzepte verfolgt und ich glaube, ich hätte die Schrift in FontLab nie und nimmer umsetzen können.
Ein weiterer Vorteil ist sicherlich die Möglichkeit, Buchstaben direkt im Kontext zu anderen Buchstaben und ganzen Wörtern zu bearbeiten.

+ Die nötigen OpenType Features hast du aber mit manuell programmiertem Code entwickelt. Welche Features nutzt du in deiner Schrift?
M: Genau, die automatischen Features von Glyphs sind zwar eine astreine Sache, konnten hier aber nicht greifen. Prinzipiell wählt der Code zu jedem getippten Zeichen je nach Vorzeichen die entsprechende Alternative aus der Palette und tauscht es damit aus.

+ Wie hast du dir die nötigen Software- und Programmier-Skills angeeignet?
M: Internetautodidaktischtrialanderror.

+ Und der Überblick über alle möglichen Buchstabenkombinationen und Alternativzeichen, wie hast du den behalten?
M: Mit ganz langweiligen aber umso funktionaleren Listen. Ich habe einfach jeden Buchstaben mit jedem gepaart um zu sehen, was abzuarbeiten ist. Erst hoffte ich, auf bestimmte Kombinationen verzichten zu können. Aber es wurde schnell offensichtlich, dass selbst im Deutschen ein »WZ« oder »XR« an Wortfugen durchaus häufig vorkommen kann. Und die Natur der Pigment verlangt – im Gegensatz zu Ligaturen – überall eine Verbindung.
Die Liste »aa, ab, ac, …, ba, bb, bc, …« erstellte ich in InDesign welches ersetzte Glyphen automatisch highlighten kann. Somit konnte ich immer gleich sehen, was ich aktuell habe und was nicht.


+ Welche Gewichtung hatten die »Pigment Grotesk«, die Ligaturen und notwendige Technik im Gestaltungsprozess?

M: Die Grotesk ist mehr oder weniger Beifang. Sie resultierte aus der Titelschrift als nötige Basis und kommt bei jedem ersten Buchstaben eines Wortes zum Einsatz. Bei der Gestaltung ergaben sich viele Formelemente aus den Verschränkungen. Das Gewicht ist so gewählt, dass es genügend Fleisch für die Überlappungen bietet und die Schrift – grotesk oder verschachtelt – gleichermaßen in diversen Größen funktioniert. Natürlich mit dem Fokus auf schauschriftliche Anwendungen. Die recht breiten Proportionen haben sich aus dem benötigtem Platz für die Durchdringungen und dem Spiel innerhalb der Punzen ergeben. Die Ligaturen – die eigentlich gar keine Ligaturen sind – gaben jedenfalls den Ton an. Sie nutzen das Überdrucken-Prinzip zu ihrem Vorteil. Erst dadurch wird es möglich die Verbindungen zu schaffen, die eben nicht wie Ligaturen zu einem Zeichen verschmelzen.
Allgemein basiert die Schrift auf dem Kontrast von leicht geometrischen Formen im Grundaufbau und den organisch fließenden Formen der Verbindungselemente. Damit die Kontur von einem zum nächsten Zeichen weiterlaufen kann, habe ich immer wieder die Grundformen anpassen müssen. Ein regelrechtes Bezier-Ping-Pong.

+ Was hat am meisten Arbeit, Zeit und Kraft während er Entwicklung gekostet? Wo gab es die größten Probleme?
M: Das Zusammenbringen von absolut jedem Buchstaben mit jedem anderen erwies sich schnell als hartes Unterfangen. Bei jedem der fast 700 Buchstabenpaare wollte ich wie ein Bildhauer eine möglichst harmonische aber überraschende Form der Verbindung herauszumeißeln. Bei einigen Wenigen war das noch recht einfach – so dass ich mehr an der Entscheidung zu beißen hatte, welche Option nun das Rennen macht. Viele, viele Paare allerdings schienen wie Rücken an Rücken zu stehen, sich wie gleichgepolte Magneten abzustoßen. Hier musste ich dann oft handgreiflicher werden und sie zu ihrem Glück zwingen. Da taten mir die kleinen Freunde schon fast leid.
Ein daraus resultierendes Problem ist die Menge an nötigen Zeichen. Ein Buchstabe mehr bedeutet aktuell schon mindestens 52 Buchstaben mehr, da das ganze Alphabet jeweils auf diesen zugeschnitten werden muss und dieser Buchstabe wiederum auf alle anderen. Deswegen gibt es vorerst kein »ß« und ebenfalls bisher keine Großbuchstaben. Man kann sich ausrechnen, was das für ein Zusätzlicher Aufwand ist.

+ Und jetzt? Bachelor in der Tasche und eine neuartige Schriftidee entwickelt: Wie geht es bei dir weiter?
M: Die Schriftgestaltung wird nicht von mir ablassen, dazu habe ich zu viele Ideen in der Schublade. Ganz frisch reingekommen ist eine Idee, die mehr programmiertechnisches Know-How von mir verlangt, als ich derzeit bieten kann. Nachholbedarf. Ansonsten wird neben der Vorbereitung zum Master natürlich weiter auf der angewandten Seite der Schrift gearbeitet.

+ Danke für den Einblick in unter die Moterhaube der »Pigment«!
M: Immer wieder gerne!